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Die Arbeit der Anderen

Wusch! schießt das Blitz­licht in den Bank­raum – ein­mal, zwei­mal, immer wieder. Der Foto­re­dak­teur der Ham­bur­ger Morgen­post ist da. Er macht Auf­nahmen für eine Re­por­tage über die Deut­sche Meister­schaft der Tischler und Schreiner. 13 Jung-Ge­sel­len sind es, die hier im Bil­dungs­zentrum der hansea­tischen Tisch­ler­innung um den Titel kämpfen. Hobeln, bohren und schleifen. Volle Kon­zen­tration. Hin und wieder schauen sie auf, beäugen für Zehn­tel­se­kun­den den Fremd­körper, der sie gerade foto­grafiert. Eine un­ge­wohnte Situa­tion: bei der Arbeit von der Presse beob­achtet zu werden, das haben Tisch­ler und Schreiner nicht alle Tage. Doch ab­lenken las­sen sich die jungen Profis davon nicht. Dafür ist keine Zeit.

Nur 19 Stun­den haben sie, um den „Stum­men Die­ner“ zu bauen, einen Kleider­ständer aus mas­siver Buche. Grund­lage ist eine Fer­ti­gungs­zeich­nung. Sorg­fältig stu­diert, und dann geht’s los: Brett­riss, Holz zu­schnei­den, Ver­bin­dun­gen fräsen, sägen, stemmen. Hammer­schläge dröhnen durch den Raum, Späne fliegen - jeder arbeitet auf Hoch­touren. Sorg­falt geht vor Schnellig­keit, das wissen die 13 Lan­des­sieger, die hier beim Bundes­ent­scheid an­treten. Jeder Schnitzer gibt Punkt­abzug. Und die Ex­per­ten der Be­wer­tungs­kom­mis­sion find­en sie alle, die kleinen Un­ge­nau­ig­kei­ten, die sich ein­schlei­chen. Doch zu lang­sam darf man auch nicht sein. Sonst wird man nicht fer­tig bis zum Ab­gabe­ter­min. Stress pur.  

In­zwi­schen ist ein Film­team des NDR ein­ge­trof­fen. Die Kamera fängt Im­pres­sio­nen der Meister­schaft ein. Am glei­chen Abend noch sollen sie im “Hamburg Journal“ ge­sen­det werden. Fil­men ja, fra­gen nein, nicht wäh­rend der Arbeit. Das ist die Regel, an die sich die Me­dien hal­ten müs­sen. Die Be­treuer vom Bundes­innungsver­band, der den Leis­tungs­wett­be­werb aus­richtet, ach­ten streng auf diesen Schutz für die Jung-Ge­sellen. Der „Stum­me Diener“ geht vor. Den­noch: Jedes Blitz­licht, jede Kamera ist eine zu­sätz­liche Be­las­tung für die ehr­gei­zigen Titel­aspiran­ten. Der Druck ist hoch.

Mittags­pause. Ein halbe Stunde Ent­span­nung. Fast jeden­falls. Denn der Re­por­ter vom Nord­Handwerk nutzt die Gele­gen­heit, um den Teil­nehmern Fra­gen zu stellen: Wie ist es, hier dabei zu sein? Wie fühlt man sich? Die Jung-Gesellen ant­worten, während sie sich die Boulette in den Mund schieben. Sie haben Ver­ständ­nis. „Jeder macht seinen Job“, sagt einer von ihnen. Sie wissen, dass die Medien wichtig sind für ihr Ge­werk. Die Men­schen müs­sen sehen und lesen, was Tisch­ler und Schrei­ner alles kön­nen. Schließ­lich sind sie die Kun­den.  

Kurz vor 18.30 Uhr. Nur wenige Minuten bis zur Abgabe. Hektisch rotieren die Schwingschleifer über das Holz. Schön glatt soll das Werkstück am Ende sein. So gehört sich das. Einige Teilnehmer tragen ihren „Stummen Diener“ schon in den Bewertungsraum, andere legen ein letztes Mal Hand an. Und Schluss. Die Arbeit der Experten-Jury beginnt.

Nervös sitzen die Jung-Gesellen auf den Stuhlreihen im Festraum. Die Verkündung der Sieger steht unmittelbar bevor. SAT 1 ist dabei. Ein Beitrag für die 17.30 Uhr-Nachrichten soll es werden. Hohe Gäste sind gekommen: Peter Becker, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, und Lutz Lawer, Landesinnungsmeister. Eine Festrede folgt der anderen. Nicht zu vergessen, der Dank an die Sponsoren: Festool, SPAX, Pollmeier, HTS Deutschland, Rampa, Alfer und die Fachzeitschrift BM. Dann ist es soweit. Die Jury ver­kündet den Gewin­ner: Thorsten Kornmayer. Der 19-jäh­ri­ge hält seinen Preis kaum in Hän­den, da wird er schon zum Inter­view ge­be­ten. SAT 1 braucht ein State­ment. Der neue Deut­sche Meister ab­solviert es noch ein wenig zurück­haltend. Aber fast schon hat er sich  daran ge­wöhnt, an die Ar­beit der An­de­ren.